Album | HUMAN BASED LOVE (LIEBE AUF MENSCHLICHER BASIS)
Es beginnt mit einer Durchsage. Nicht laut, nicht dringlich – eher beiläufig, wie eine Ansage in einem leeren Bahnhof, die niemand braucht und die trotzdem hängen bleibt.
WIE DAS KLINGT
Irgendwo zwischen Bon Iver und deutschem Singer-Songwriter-Pop, mit der cineastischen Reduktion von AaRON und der Alltagspräzision von Zartmann. Die Texte denken im Moment, wie bei Spilif. Gesellschaftliche Brüche sitzen still und unbenannt, nach Art von Danger Dan. Und dann ist da California Toast, das mit der Wärme von frühem Rex Orange County einfach Lust auf einen guten Morgen macht.
Das Ganze ist in KI-Produktion eingebettet – nicht versteckt, sondern Teil der Haltung. Mensch und Maschine teilen sich die Autorschaft, hörbar als leichte Entrücktheit, als Oberfläche, die manchmal zu glatt ist und genau deswegen stimmt.
DAS KLEINE ALS HAUPTFIGUR
Was dieses Album zusammenhält, ist eine Aufmerksamkeit: für das Alltägliche, das gleichzeitig groß und klein ist. Kühlschränke. Homeoffice. Ein Kaktus. Eine Zigarette, bevor es passiert – dieses Innehalten kurz vor dem Sex ist kein Umweg, sondern der eigentliche Ort: wo Begehren und Unsicherheit gleichzeitig existieren.
Irgendwo heißt es: »Ich hab mehr gedacht als in drei Wochen.« Gleichzeitig banal und präzise. Das Kleine und das Existenzielle teilen sich denselben Satz.
ROBERTA AND THE BEATS: DIE WEIBLICHE NOTE
Mehrere Songs tragen den Zusatz feat. Roberta and the Beats. Darunter: Beißen, Casa Nova, Das perfekte Blau. Die Frauenstimme bringt eine andere Textur – wärmer, direkter, manchmal ein bisschen fordernder. Weniger Beobachtung aus der Distanz, mehr Szene.
Casa Nova bekommt durch das Gegenüber eine leidenschaftliche Spannung. Beißen stellt die präziseste Liebesfrage des Albums: Ich will dich beißen, nicht fest, nur um zu schauen, ob du echt bist. Zärtlichkeit als Vergewisserung.
CALIFORNIA TOAST: EINE HYMNE AN DAS EINFACH MAL MACHEN
California Toast ist das Stück, das man nicht erklären muss – man spürt es. Es klingt nach aufgewärmtem Frühstück, nach einem Morgen ohne Programm, nach dem Gefühl, dass heute alles in Ordnung sein darf. Und es macht beim Hören Lust, genau da dabei zu sein: ins Toast zu beißen, irgendwo zu sitzen, eine gute Zeit zu haben.
Viermal erscheint er auf dem Album – als Indie-Version sowie drei Bonus-Tracks: als Taylor's Version, als Nachtgalerie Remix und Hackerzelt Remix. Dieselbe Substanz, verschiedene Kontexte. Was in der einen Version wie ein Bekenntnis klingt, klingt in der anderen wie Parodie – und man ist nicht mehr sicher, welche ehrlicher ist.
»Das Kleine und das Existenzielle teilen sich denselben Satz, ohne dass einer dem anderen die Show stiehlt.«
DER RAHMEN TRÄGT, WIRKLICH?
Intro, Interlude, Outro. Das Album kommentiert sich selbst, ohne es auszustellen. Nur: Was will uns Roberto damit sagen? Man weiß es nicht, wartet auf etwas, das dann anders kommt. Oder gar nicht.
Und das Cover: eine scheinbar entspannte Poolszene, leicht verschoben – fügt sich nahtlos ein: ruhig, ästhetisch, und doch um ein paar Grad off.

WO ES WIRKLICH ERNST WIRD
Panama legt die Ironie ab – nicht durch Pathos, sondern durch Reduktion. Ein Sohn erkennt sich im Verhalten seines Vaters wieder und formuliert daraus keinen Konflikt. Nur eine leise, fast erschöpfte Erkenntnis.
P.s.: Ich verliere dich kippt das spielerische Erzählen ins Unausweichliche. Der Verlust geschieht nicht laut – in dem Moment, wo ich nichts sage. Es ging die ganze Zeit um Liebe: die schmerzhafte, wunderschöne, leidenschaftliche, spielerische und manchmal erschöpfte Art, wie Menschen füreinander da sind – oder es nicht sind.
»Es ging die ganze Zeit um Liebe. Und sie kommt hier in keiner einzigen glatten Form vor.«
HUMOR ALS GLEICHGEWICHT
Drei Kakteen und Mein kleiner nasser Kaktus. Sie verhindern, dass das Album in seiner eigenen Ernsthaftigkeit versinkt. Ein Kaktus, der einmal gerettet hat, ist nicht einfach absurd – er ist plausibel, in dieser Welt.
Wer von EINS. Die KI-Kollektion bis hierher gehört hat – durch Songs für Gspusis, durch das fragile Mal so, mal so – merkt jetzt, was sich verändert hat. Nicht das Konzept. Nur die Tiefe, mit der es sitzt. Die Spielereien sind noch da. Aber sie haben etwas darunter.
FAZIT
Human Based Love wartet. Beobachtet. Lässt Dinge offen – und das fühlt sich manchmal unbefriedigend an, bis man merkt, dass genau das die Absicht ist.
»Es passiert nicht viel. Aber genau das bleibt.«
TRACKLIST:
01 Intro: Eine wichtige Durchsage
02 California Toast
03 Die Zigarette davor
04 Beißen (feat. Roberta and the Beats)
05 Casa Nova (feat. Roberta and the Beats)
06 Panama
07 Das perfekte Blau (feat. Roberta and the Beats)
08 Homeoffice
09 Eigentlich egal
10 Waltz of IDK
11 Interlude: Eine weitere wichtige Durchsage
12 Drei Kakteen
13 Mein kleiner nasser Kaktus (feat. Roberta and the Beats)
14 P.s.: Ich verliere dich
15 Outro: Eine letzte wichtige Durchsage
— Bonus Track: California Toast (Taylor's Version) (feat. Roberta and the Beats)
— Bonus Track: California Toast (Nachtgalerie Remix)
— Bonus Track: California Toast (Hackerzelt Remix)
TEXTSTELLEN:
- Beißen (feat. Roberta and the Beats): »Ich will dich beißen, nicht fest, nur um zu schauen, ob du echt bist.« Zärtlichkeit als Vergewisserung.
- P.s.: Ich verliere dich: »In dem Moment, wo ich nichts sage.« Verlust nicht als Ereignis, sondern als Nicht-Handlung.
- Drei Kakteen: »Du hast mich einmal gerettet.« Zuneigung in spielerischster Form – und vollkommen ernst.
- Homeoffice: »Ich hab mehr gedacht als in drei Wochen.« Das Alltägliche als Versteck des Wesentlichen.
- Die Zigarette davor: »Wir gehören der Zigarette davor.« Begehren als Zustand. Das Innehalten vor dem Passieren.
